Wie ich vom Schreibhänger zum Schreibdynamiker wurde oder: 5 einfache Schritte zum guten Schreibstil

frauenfigur an karusselgondel zu schreibstil

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Viele wissen im Hirn- und Herzensgrunde, dass Sie ihren Schreibstil seit Jahren vernachlässigen und ihn aufpolieren müssten. Die Folge, hier zu schludern, ist, dass das Schreiben eine lästige Pflicht wird.

Mir selbst ging es viele Jahre so. Während meiner Studienzeit quälte ich mich mit einem kruden Schreibstil durch Seminar- und Abschlussarbeiten und baute so manche mittelschweren Textunfälle: zu lange Sätze, gesuchte Fremdwörter und wissenschaftlich klingende, zungenverknotende Wortgebilde. Meinen persönlichen, flüssigen Schreibstil habe ich damals peu à peu durch das Lesen unzähliger Ratgeber- und Fachbücher entwickelt. Bis es dann flutschte. Und ich manches Lob von den Dozenten einheimste. 🙂 Später habe ich dann mein Wissen und meine Leidenschaft für die deutsche Sprache zum Beruf gemacht.

Sie wollen endlich auch mit mehr Schwung ans Texten gehen, mit Ihren Schreibprodukten zufriedener sein und damit Anerkennung finden? Dann brauchen SIE keine Fachbücher zu wälzen, denn hier gebe ich Ihnen meine fünf besten Profi-Tipps​ ​für einen guten, leserfreundlichen Schreibstil. Probieren Sie's direkt bei Ihrem nächsten Text aus!

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1. Ihr Schreibstil: Bauen Sie gehirnfreundliche, knackige Sätze!

Ein idealer Hauptsatz enthält 15 bis 20 Wörter. Bereits bei 25 und mehr Wörtern wird das Kurzzeitgedächtnis des Lesers arg strapaziert. Ersparen Sie sich und Ihrem Leser diesen Stress!

Dazu zwei Tipps:

1. Der Hauptsatz

Die erste Wahl des Texters ist immer der Hauptsatz. Wichtig: Er sollte die Hauptsache enthalten. Nebensätze sind untergeordnet und dazu da, über Bedingungen und Umstände des Hauptgegenstandes zu informieren.

Der Versuch, der in enger Zusammenarbeit mit dem Landesumweltamt vorgenommen wird, läuft noch bis Ende März, sodass die Ergebnisse noch auf sich warten lassen. (24 Wörter)

In diesem Beispiel enthält der Nebensatz (Relativsatz) eine weitere Hauptsache. Wir formen deshalb in zwei Hauptsätze um, damit der Leser in einem Rutsch die beiden wichtigen Informationen bekommt:

Der Versuch wird zusammen mit dem Landesumweltamt vorgenommen und läuft bis Ende März, sodass noch keine Ergebnisse vorliegen. (18 Wörter)

2. Der Nebensatz

Am besten ist es, wenn Nebensätze an den Hauptsatz angehängt werden. So unterbrechen sie am wenigsten den Lesefluss. Hier ein gutes Beispiel:

Bei dieser Anästhesie wissen die Ärzte genau, wie viel Betäubungsmittel sie dem Patienten verabreichen müssen, damit dieser keine Schmerzen spürt. (20 Wörter)

Einen Nebensatz sollten Sie nur selten in den Hauptsatz einfügen. In dem Fall darauf achten, dass der Nebensatz nicht mehr als 6 bis 8 Wörter enthält, damit der Leser nicht den Faden des Hauptsatzes verliert. Wie geht es Ihnen bei folgendem Satz?

Dieser Politiker, der damals zu Zeiten des alten Kanzlers geschwiegen hatte, obwohl er nachweislich von den Geschäften, die allein aus Geldgier getätigt wurden, wusste, traf nun die folgenschwere Entscheidung.(29 Wörter)

Wahrscheinlich ringen Sie noch jetzt nach Luft. Der Politiker ... ... (Schnappatmung!) ... ach so: traf eine folgenschwere Entscheidung. Der Hauptsatz wird durch 3 Nebensätze, bestehend aus insgesamt 24 Wörtern (!), unterbrochen! Unzumutbar für den Leser.
Der erste Nebensatz enthält eine wichtige Handlung der Hauptperson, deshalb machen wir daraus einen Hauptsatz und trennen den zweiten Hauptsatz ab:

Dieser Politiker hatte damals zu Zeiten des alten Kanzlers geschwiegen, obwohl er nachweislich von den Geschäften wusste, die allein aus Geldgier getätigt wurden. Nun traf er die folgenschwere Entscheidung. (23 Wörter, 6 Wörter)

Weitere Tipps zum leserfreundlichen Satzbau bekommen Sie in diesem Artikel und in meiner Video-Reihe „Wie baue ich verständliche Sätze?".

2. Ihr Schreibstil: Verben über alles!

Verben bringen Bewegung in Ihren Text. Sie heißen nicht umsonst „Tu-Wörter“, man könnte auch „Handlungswörter“ sagen.

Aufgrund der Unterstützung durch unser Team erhalten Sie eine effektive Problemlösung.

Kennen Sie solche Sätze? Bestimmt. Hier werden Handlungen in Nomen gequetscht. In diesem holprigen Satz muss der Leser die kraftvollen Verben unterstützen und lösen aus den statischen Nomen Unterstützung und Lösung herausschälen – ärgerlich. Besser gleich so:

Weil unser Team Sie in allen Fragen unterstützt, lassen sich Ihre Probleme effektiv lösen.

Hier signalisieren Sie also auch durch den Schreibstil,  dass Sie handlungsbereit sind.

Übrigens: Nomen auf „-ung“ sind ​meistens von Verben abgeleitet, wie Sie es im 1. Teil meiner Video-Reihe „Weg mit dem Nominalstil!" sehen können. Benutzen Sie also lieber gleich das dynamische Verb. 

Jedem Texter passiert es allerdings immer mal wieder, eine Nominalkonstruktion zu bauen. Besonders gerne greifen wir auf abgeleierte Standardmuster zurück wie etwa zur Anwendung kommen, Beitrag leisten, Leistung erbringen, Mitteilung machen, Wirkung entfalten statt die schwungvollen Verben anwenden, beitragen, leisten, mitteilen, wirken zu benutzen. Ziehen Sie bei solchen statischen Ausdrücken die Notbremse und formulieren Sie sie um.

3. Ihr Schreibstil: Aber bitte nicht die schlechten Verben!

Sagte ich eben Bewegung? Vorsicht, es gibt auch echte Couch-Potatos unter den Verben! Ich spreche von haben und sein. Wenn Sie so schreiben:

Sie hatte große Angst vor der Prüfung.

Dann hat eine Statue mehr Dynamik.

Kurz vor der Prüfung stieg ihr Puls auf über 130, ruhelos ging sie auf und ab und nagte an ihrer Unterlippe.

DA ist Bewegung drin! Und die reißt den Leser mit.

Das gleiche gilt für das Allerweltsverb sein. Als Vollverb bleibt es fast immer blass und allgemein. Es ist ein Unterschied, ob ich schreibe:

Auf dem Vorplatz war eine große Menschenmenge.

Oder:

Auf dem Vorplatz drängte sich eine große Menschenmenge.

Also: Bei jedem achtlos verwendeten sein oder haben lohnt es sich zu prüfen, ob sich dahinter nicht eine Bewegung oder ein Ablauf verbirgt, in den Sie den Leser mit hinein ziehen können.

Vorsicht auch mit den ​Modalverben wie können, müssen, sollen, dürfen. 60 % dieser Verben sind in Texten überflüssig.

Das könnte Sie interessieren. Dann sollten Sie sich anmelden!

Hier verwaschen die Modalverben als Höflichkeitsfloskeln die klare Aussage. Der Inhalt bleibt der gleiche, wenn Sie schreiben:

Das interessiert Sie? Dann melden Sie sich an!

Anderes Beispiel:

Wir sind ein starkes Team, um Sie optimal unterstützen zu können.

Ohne Modalverb gleiche Aussage, aber viel knackiger:

Wir sind ein starkes Team, um Sie optimal zu unterstützen.

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4. Ihr Schreibstil: Benutzen Sie Fremdwörter wie Tabascospritzer!

Als Marketing-Agentur analysieren wir die Maßnahmen zur Kundenakquisition permanent auf ihre Effizienz und konzeptionieren gegebenenfalls neue Strategien.

Uiiih, mich fröstelt's hier. Sie nicht auch? Die holpernden Verben analysieren und konzeptionieren sowie die Akquisition ersetzen wir einfach durch deutsche Wörter – und schon erwärmt sich der Leser für den Satz:

Als Marketing-Agentur schauen wir regelmäßig auf Ihre Kundengewinnungsrate und entwerfen gegebenenfalls neue Strategien.

Zu viele Fremdwörter im Text lassen schnell einen gestelzten, unnatürlichen Sprachstil entstehen. Deshalb sollten Sie sie nur selten als ganz besonderes Würzmittel einsetzen. Zum Beispiel dann, wenn Sie ein Synonym brauchen, um eine Wiederholung zu vermeiden oder das Fremdwort kürzer und prägnanter ist als die deutsche Umschreibung, wie eben das Marketing.

5. Ihr Schreibstil: Weg mit dem Füllwörtermüll!

Zum Ballast eines Textes gehören neben Fremdwörtern auch die leidigen Füllwörter. Verstopfen Sie nicht den Fluss Ihres Textes durch entbehrliche Adjektive wie differenziert, grundsätzlich, vergleichbar oder solche mit der Endung „-weise“ wie vergleichsweise oder durch nichtssagende Substantive wie Bereich, Gebiet, Aspekt. Diese Wörter enthalten zudem null Anschaulichkeit.
Auch verdoppelnde Vorsilben sind natürlich Wortabfall. Schreiben Sie ändern statt abändern, zielen statt abzielen, programmieren statt vorprogammieren, testen statt austesten, sparen statt einsparen, um nur einige Beispiele zu nennen. Hier ein Satz, den ich auf der Webseite einer Marketing-Agentur fand:

SEO ist ein stark ausdifferenzierter Themenkomplex im Bereich des Suchmaschinenmarketing (SEM).

Jaaa, was will der Texter hier wohl sagen? Nur nebenbei: Ein Webleser wird sich auf diese Rätselrunde nicht einlassen, sondern einfach wegklicken. Lassen Sie mal alles Überflüssige weg: das Adjektiv stark, die Vorsilbe aus-, den -komplex und den Bereich – und Sie erhalten einen luftigen, leicht verdaulichen Satz:

SEO ist ein differenziertes Thema im Suchmaschinenmarketing (SEM).

Es geht sogar noch angenehmer für den Leser:

SEO ist ein facettenreiches Thema im Suchmaschinenmarketing (SEM).

Voilà.

Fazit

Ja, es stimmt, das Verdichten eines Textes erfordert Gehirneinsatz. Manchen Satz schreiben Sie dreimal um. Aber es lohnt sich! Am Schluss, wenn der Textraum entrümpelt, der Wortmüll in Säcke gestopft und der einzelne Satz poliert ist, dann glänzt Ihr ganzer Text. Und einmal verinnerlicht, profitieren Sie von diesen Regeln bei jedem Text. Hier sind sie noch einmal:

  • kurze, knackige Sätze bauen
  • statt Nomen auf -ung die entsprechenden Verben benutzen
  • keine schlechten, blassen Verben verwenden
  • wenig Fremdwörter einstreuen
  • keine Füllwörter und verdoppelnden Vorsilben gebrauchen

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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Schreibcoach, Dozentin und Autorin helfe ich Ihnen, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und so in Beruf und Business voranzukommen.

  • Peter Schwartz sagt:

    Hallo,

    vielen Dank für die erfrischend kurzen und dennoch sehr hilfreichen Hinweise zur Textgestaltung. Gerade saß ich wie der ‚Ochs vor dem Berg‘ und quälte mich mit einem Bewerbungsanschreiben. Der Text war einfach nicht rund zu kriegen.

    In der Tat fand ich die oben aufgeführten Fehler beinahe durchgängig in meinem Text wieder. Umso mehr ich versuchte Aussagen einen besonderen Eindruck zu verleihen, desto holpriger wurde es.

    Die Anwendung Ihrer Hinweise hat mir sehr weitergeholfen. Bereits beim ersten Versuch sind sämtliche ‚Posen‘ wieder herausgeflogen und es kam der gewünschte Fluss hinein.

    Mit den besten Wünschen

    Peter Schwartz

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Hallo Herr Schwartz,
      entschuldigen Sie meine späte Reaktion, aber der Kommentar war, warum auch immer, durchs System geflutscht. Ja, das freut mich, dass ich Ihnen mit dem Beitrag helfen konnte! Gerade bei Bewerbungsschreiben ist man meistens so sehr mit dem Inhalt beschäftigt, dass man wenig auf den Satzbau achtet oder, wie Sie es beschreiben, sich in holprigen Formulierungen verheddert.
      Alles Gute für Ihre Bewerbung!
      Viele Grüße
      Dr. Gabriele Frings

      • Peter Schwartz sagt:

        Hallo Frau Dr. Frings,

        vielen Dank. Die für den Empfänger relevanten Aspekte zu identifizieren und ansprechend zu formulieren, sind dabei die größte Herausforderung. Highlights, die mir besonders wichtig erscheinen, müssen es für das ausschreibende Unternehmen noch längst nicht sein. Umso wichtiger sind die Dinge, die ich beeinflussen kann. Das sollte mir jetzt etwas besser gelingen.

        Freundliche Grüße

        Peter Schwartz

        • Dr. Gabriele Frings sagt:

          Hallo Herr Schwartz,
          da bin ich ganz sicher. 🙂 Denn da Sie jetzt auf die genannten Grundelemente für einen klaren Schreibstil achten, ist der wichtigste Schritt für verständliche, angenehm zu lesende Texte getan. Viel Erfolg weiterhin!
          Herzliche Grüße
          Dr. Gabriele Frings

  • Olaf Syhre sagt:

    Die deutsche Sprache (nicht nur das gesprochene Wort) ist manchmal ein Rätsel, welches zu entschlüsseln nicht immer einfach ist. Und Ihre Beiträge vermitteln den Spaß im Umgang damit.
    Danke für die „Wegweiser“……

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Ja, sie hält Rätsel, Überraschungen und Schönes bereit, sie ist biegsam und anpassungsfähig, viel mehr als das Englische oder die romanischen Sprachen. Deshalb liebe ich sie. 🙂
      Viele Grüße
      Dr. Gabriele Frings

  • Danke Frau Dr. Frings für die inspirierenden Anregungen.

  • Förste sagt:

    Hallo Frau Dr. Frings,

    vielen Dank, für die Tipps.
    Ich bin begeistert und werde es umsetzten.

    Beste Grüße
    Walter C. Förster

  • Roland sagt:

    Das sind wirklich die wichtigsten 5 Schritte zum guten Schreibstil. Ich muss mir diese immer wieder vor Augen halten. Von Monat zu Monate werde ich besser. Vielen Dank!

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