Schreiben Sie aktiv, nicht passiv!

passiv

„So'n Mist, der Supermarkt schließt schon um 20.00 Uhr. Wie vorsintflutlich!", rutschte es neulich einer Freundin heraus, mit der ich am Freitagabend unterwegs war. Genau, Recht hatte sie – nicht nur mit dem Mist, sondern auch mit der Aktivform des Verbs. „Oh Irrsinn, der Supermarkt wird schon um 20.00 Uhr geschlossen" – so würde nur Mortimer aus der After-eight-Werbung sprechen. 

Das Passiv nehmen wir als steif und schwerfällig wahr. ​Die Aktivform dagegen ​entspricht unserer natürlichen Ausdrucksweise​. Wir sagen: „Herr Meier hat gerade mit der Präsentation begonnen" und nicht: „Von Herrn Meier ​ist gerade mit der Präsentation begonnen worden."

​Warum ​lesen wir dann oft Sätze wie: „Die Aufstellung wird von uns ​demnächst ​verschickt"? Und wie können wir als Schreiber die Aktiv-Kurve kriegen, damit der Leser einen lebendigen Text vor sich hat, den er gerne liest? Tja, da gibt es ​ein paar kleine Tricks – und die zeige ich Ihnen ​nun.

1. ​Aktiv ​vs. Passiv​ – ​Der Akteur ist bekannt? Dann nennen Sie ihn!

Wer (= Subjekt) tut was? Das ist die Kernfrage, die der Leser als erstes beantwortet haben will. Und ​diesen Wunsch sollte er ohne ​Umstände ​erfüllt bekommen. Das geht aber nicht so:

​Ihr ​Angebot wird von uns zeitnah ​bearbeitet werden.

​Seitens der Stadtverwaltung wurden keine Einwände erhoben.

​Erste Sicherungsmaßnahmen wurden ​von Seiten der Mitarbeiter der Schifffahrtsverwaltung ergriffen.

Sondern so: ​

                   Wir bearbeiten Ihr Angebot so bald wie möglich. (das hässliche „zeitnah"
                   musste ich auch noch schnell ersetzen)

​Die Stadtverwaltung erhob keine Einwände.

Die Mitarbeiter der Schifffahrtsverwaltung ergriffen erste Sicherungsmaßnahmen.

​Fazit: Immer, wenn der Akteur ​bekannt ist, sollte er​ möglichst auch genannt werden und ​das Subjekt im ​Satz ​​sein. Es sei denn, Sie wollen dem Leser eine bestimmte Perspektive nahebringen, ​dazu mehr unter Punkt 3.

Durch die Aktivform ist der Satz übrigens immer auch kürzer, da die Präpositionen wie „von, durch, seitens" und das Hilfsverb „werden" wegfallen. Und ​meine ​Abonnenten kennen ja schon die Grundregel, die vom Wort über den Satz bis zum Text gilt: kürzer ist besser. 🙂

​Übrigens: Viele Texter benutzen das Passiv​, wenn der Akteur verschleiert werden soll ​oder eine klare Aussage unerwünscht ist: Ihre Daten werden selbstverständlich ​nicht weitergegeben. ​​Wie viel anders, nämlich vertrauenswürdiger, klingt der Satz: Wir geben Ihre Daten selbstverständlich nicht weiter. (Haben Sie diesen Satz schon einmal irgendwo gelesen? Ich nicht.) Ob Sie das als Schreiber wirklich so wollen? Hm ...

2. Aktiv ​vs. Passiv – Alternativen für das Passiv ​mit „können" und „müssen"

                  Das Passiv mit „können“ und „müssen" lässt sich ganz leicht vermeiden.

Haben Sie's bemerkt?​ In diesem Satz ist das Passiv ersetzt. ​In der Passivform hieße der Satz:

                 Das Passiv mit ​„können" und „müssen" kann ganz leicht vermieden werden.

Damit haben wir schon eine Alternative für das Passiv mit können, nämlich die Formulierung mit lässt sich/lassen sich, die wir übrigens auch beim Sprechen benut­zen.

Nehmen wir dazu noch ein Beispiel. Aus:

                  Das Problem kann gelöst werden.

Machen wir die fließende Variante:

                 Das Problem lässt sich lösen.

Oder als dritte locker-leichte Alternative mit einem Adjektiv auf „-bar“:

                 Das Problem ist lösbar.

Eine vierte Möglichkeit ist die Infinitivkonstruktion mit „zu“:

                Das Problem ist zu lösen.

Für das Passiv mit müssen gibt es die vierte Möglichkeit ebenfalls. ​Statt: 

               Die ​Aufgaben ​müssen ​bis morgen ​erledigt werden.​  ​

​Können Sie als kürzere Variante schreiben:

               Die Aufgaben sind bis morgen zu ​erledigen.

3. Aktiv ​vs. Passiv – Das Passiv​ für eine andere Perspektive

Manchmal hilft das Passiv aber auch, dem Leser eine bestimmte Perspektive nahe­zubringen. In diesem Satz: Der Schüler wurde von drei Klassenkameraden gemobbt steht der Schüler im Mittelpunkt (grammatisch: das Subjekt). I
m Aktivsatz: Drei Klassenkameraden mobbten den Schüler ist die Perspektive eine andere. Hier ist der Schüler eine Nebenfigur (grammatisch: Objekt) und die Klassenkameraden (grammatisch: Subjekt) stehen im Fokus.

Ein weiteres Beispiel: Die Kosten werden durch den Gemeindeverband über­nommen. Soll die Betonung auf Kosten liegen, ist hier der Passivsatz die richtige Version. Sollen der Gemeindeverband und die Handlung hervorgehoben werden, ist der Aktivsatz die bessere Alternative: Der Ge­meindeverband übernimmt die Kosten.

In manchen Fällen müssen Sie also abwägen, was Sie betonen möchten. 

Fazit

Sie wollen, dass Ihr Text natürlich und flüssig klingt? Und der Leser Spaß an der Lektüre hat? Dann benutzen Sie die Passivform des Verbs nur sehr sparsam! Achten Sie hierauf:

  • ​​​​​Wenn Sie einen Akteur haben​, der bekannt ist und genannt werden soll, benutzen Sie das Aktiv – und nicht das Passiv (nicht mit „von, ​seitens, von Seiten des/der" arbeiten!).
  • Benutzen Sie für das Passiv mit „können" alternative Formulierungen mit „lässt sich/lassen sich" (z. B. lässt sich lösen), mit Adjektiven auf „-bar" (z. B. lösbar)​, oder den Infinitiv mit „zu" (z. B. sind zu lösen)
  • Die Passivform kann Ihnen helfen, dem Leser eine bestimmte Perspektive nahezubringen (z. B. Der Schüler wurde von ​drei Klassenkameraden gemobbt/Drei ​Klassenkameraden mobbten den ​Schüler).

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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Schreibcoach, Dozentin und Autorin helfe ich Ihnen, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und so in Beruf und Business voranzukommen.

  • Sie geben tolle Tipps gerade auch für Blogger! Ich habe eines Tages meinen Blog aufs Diktiergerät gesprochen, danach wieder transkribiert. Das Ergebnis: Eine viel aktivere Sprache, angenehmer zu lesen. Danke für Ihren Blog, den ich immer wieder gern lese!

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Hallo Herr Wagner,
      das freut mich! Und es ist eine tolle Idee und äußerst nützliche Hilfe, den Text erst einmal mündlich zu formulieren. So kommt man gar nicht erst in Versuchung, mit zu vielen Nebensätzen und zu viel Passiv zu hantieren. Eine andere, etwas zeitaufwendigere Möglichkeit ist es, für den fertigen Text ein Vorleseprogramm wie etwa Balabolka zu nutzen. Da merkt man dann sehr schnell, ob es fließt oder holpert. Im letzten Fall muss man dann noch einmal an die Übeltäter-Stellen ran. Einfacher, ohne diesen Zwischenschritt, funktioniert natürlich Ihre Methode.
      Viele Grüße aus Bonn nach Bonn 😉
      Dr. Gabriele Frings

  • Thomas Fischer sagt:

    Hallo Frau Dr. Frings,

    die Alternativen unter 2.) klingen zwar besser, sind aber immer noch Passivkonstruktionen. „Das Problem“ ist grammatikalisches Subjekt, aber nicht der Akteur selber. Akteur ist ein Mensch, der das Problem löst. Oder sehe ich das falsch?

    Viele Grüße
    Thomas Fischer

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Hallo Herr Fischer,
      danke für Ihren Kommentar. Die Beispiele in 2. sind sogenannte Passiversatzformen. Der passivische Charakter bleibt natürlich erhalten. Wie Sie ja auch schreiben – der wichtige Effekt ist: Die Sätze klingen geschmeidiger, fließender.
      Sie haben völlig Recht, „das Problem“ ist das Subjekt, denn die entsprechende Frage lautet: Wer/was kann gelöst werden? Der Akteur, oder grammatisch das „Agens“, wäre dann die Person oder Sache, die etwas löst. In der Passivform müsste das Agens dann mit den Präpositionen „von“, „durch“ oder eben „seitens/von Seiten“ genannt werden. Das klingt, wie gesagt, arg umständlich.
      Viele Grüße
      Dr. Gabriele Frings

  • Holger sagt:

    Danke für diesen einleuchtenden Beitrag! Ich werde (!) jetzt öfters auf das Wörtchen „werden“ aufpassen.

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Gerne! übrigens können Sie auch die „Suchen“-Funktion Ihres Textprogramms nutzen, indem Sie „werden“ ins Feld eingeben. So haben Sie den perfekten Habe-ich-zu-viele-Passivsätze?-Check für Ihren Text. Viel Erfolg!
      Viele Grüße
      Dr. Gabriele Frings

  • Ihre Anleitungen sind äußerst hilfreich. Ich glaube, dass ich damit auch schon meinen Schreibstil verbessert habe.

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Hallo Frau Hobiger,
      das freut mich. Ich wünsche Ihnen auch weiterhin viel Erfolg beim Umsetzen!
      Viele Grüße
      Dr. Gabriele Frings

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