Das Geheimnis des ansprechenden Schreibstils (1)

anemone zu schreibstil

Flirten Sie mit der mündlichen Sprache!

Hier geht's nicht um ein lockeres „hallo“, sondern um harte Schreibstilfakten. Es ist nun mal so: Ein Schreibstil ist nur dann gefällig, wenn er Elemente des Mündlichen enthält. Warum? Ganz einfach: Der Leser will ANGESPROCHEN werden. Sonst schaltet er ab.

Doch was macht die gesprochene Sprache aus? Das ​erfahren Sie hier im ersten Teil und außerdem, wie Merkmale des Mündlichen Ihren Text angenehm auflockern.

1. Liebäugeln Sie mit Hauptsätzen

Wenn wir sprechen, wollen wir etwas mitteilen. Der kürzeste Weg dafür ist der ​Hauptsatz. Nebensätze kommen in spontaner Rede selten vor.

Zunächst ein Exemplar der Spezies Bandwurmsätze, die ich häufiger in meinen Kursen lese:

Als ich gestern Abend gegen sieben aus dem Bürogebäude kam, das direkt an einer Ringstraße liegt, die immer stark befahren und sehr unübersichtlich ist, sah ich, wie das Auto, das nach rechts abbog, den Radfahrer, obwohl er ganz langsam fuhr, einfach übersah und ihn erfasste.

Jetzt wäre ein Sprecher vermutlich schon blau angelaufen! Denn es gibt nirgendwo eine Pause zum Atemholen. Der Knackpunkt ist: Auch der Leser braucht Atempausen. Und die gönnen ihm die Punkte an den Satzenden. Das Beispiel ​oben hat davon nur einen einzigen!

Wie können wir nun einer Schnappatmung beim Leser vorbeugen? Ganz einfach: indem wir den Mammutsatz in ein lockeres Textgewebe aus Hauptsätzen ​und wenigen (!) Nebensätzen umwandeln. Zuerst nennen wir den wichtigsten Fakt​ in einem knackig-kurzen Hauptsatz. ​Auch alle weiteren Fakten werden möglichst ​mit einem Hauptsatz ​formuliert:

Gestern Abend habe ich doch tatsächlich einen Unfall beobachtet. Gegen sieben Uhr kam ich aus dem Bürogebäude. Es liegt an einer Ringstraße, die immer stark befahren und sehr unübersichtlich ist. Ein Auto wollte nach rechts abbiegen und übersah einfach den Radfahrer, der geradeaus fahren wollte. Obwohl er ganz langsam fuhr, wurde er vom Auto erfasst.

Jetzt gibt es genügend Punkte und ausreichend Luft für den Leser. Und so würde ​ein Bekannter Ihnen den Vorfall auch erzählen. ​Dieser Text bekommt direkt das Prädikat: schwungvoller, ansprechender Schreibstil!

Mein Tipp für Ihren Text:
Nehmen Sie sich die Zeit, Ihren fertigen Text laut vorzulesen (es gibt auch Vorleseprogramme wie Balabolka). Fließt es? Oder holpert es? Dann schauen Sie, ob Sie  nach dem Beispiel oben aus dem einen oder anderen Nebensatz einen weiteren Hauptsatz bauen können.

2. Umwerben Sie Verben statt Substantive

Hauptsätze bevorzugen heißt nicht, Nebensätze krampfhaft zu vermeiden. In dem Fall kippt der Text schnell wieder ins Starre, und damit meine ich den zu Recht gefürchteten Nominalstil (von Nomen = ​Hauptwort; auch ​Behördendeutsch genannt). Hier ein solcher Satz:

Solange keine Änderung in den für die Berechnung notwendigen Daten eintritt, erfolgt weiterhin die Auszahlung.

Ob die Sachbearbeiterin einem Besucher solch einen steifen Satz über den Schreibtisch hinweg zumuten würde? Wohl kaum. Deshalb sollten auch Sie so schreiben:

Solange sich Ihre Daten nicht ändern, mit denen wir den Betrag berechnen, erfolgt weiterhin die Auszahlung.

Hier fühlt der Leser sich angesprochen. Was haben wir gemacht? Aus den beiden ​starren Substantiven „Änderung“ und „Berechnung“ sind die Verben „ändern“ und „berechnen“ geworden​. Voilà, schon haben wir eine ideale, geschmeidige Satz. Im 1. Teil meiner Video-Reihe „Wie baue ich verständliche Sätze?" können Sie sich solch eine Umformung noch einmal im Detail anschauen.

Übrigens: Substantive mit der Endung „-ung" sind meistens von Verben abgeleitet, das heißt, sie bezeichnen eine Handlung. Und eine Handlung sollte immer mit einem Verb ausgedrückt werden. Also, prüfen Sie bei diesen „-ung"-Substantiven, ob eine Verwendung des entsprechenden Verbs möglich ist – aha, in diesem Satz ist es das Substantiv „Verwendung". Ich kann also auch schreiben: … ob Sie nicht das entsprechende Verb verwenden können – klingt direkt viel flüssiger, oder?

3. Geben Sie dem Passiv ​einen Korb

Das Passiv ist unlebendig und deshalb benutzen wir es ebenfalls selten, wenn wir sprechen.

Der Supermarkt schließt um 20.00 Uhr sagen wir mit einem Aktivsatz, und nicht: Der Supermarkt wird um 20.00 Uhr geschlossen.

Beim Schreiben sollten Sie deshalb Sätze mit Passiv-Konstruktionen überprüfen.

Wenn eine handelnde Person bekannt ist und genannt werden soll, dann sollte sie auch das Subjekt im Satz sein. Und das klappt nur bei einem Aktivsatz. Also statt:

Sie werden von uns so bald wie möglich informiert.

schreiben Sie besser:

Wir informieren Sie so bald wie möglich.

Diesen Satz hört der Leser, als würden Sie mit ihm sprechen. 

Für Passivsätze mit dem Modalverb „können" gibt es besondere Passiv-Alternativen, die wir häufig beim Sprechen benutzen. So werden aus dem Satz

Das Problem kann gelöst werden.

die schwungvolleren Varianten:

Das Problem ist lösbar

oder

Das Problem lässt sich lösen.

Wann Sie das Passiv vermeiden sollten – das und vieles mehr finden Sie übrigens in meinem gratis Schreib-Ratgeber Einfach wissen, worauf es beim Texten ankommt. Sie können sich hier unten für den Newsletter eintragen, der Sie ca. alle zwei Wochen mit exklusiven Schreibtipps versorgt.

FAZIT:

Achten Sie beim Texten darauf, häufiger Merkmale des Mündlichen zu verwenden – damit der Leser sich angesprochen fühlt und am Ball bleibt! Benutzen Sie deshalb:

  • vor allem Hauptsätze
  • Verben statt Substantive auf "-ung"
  • wenig Passivkonstruktionen

Mein Tipp für Ihren Text:

Damit es Ihnen leichter fällt, „sprechend" zu schreiben, stellen Sie sich ein persönliches Gegenüber vor, dem Sie Ihren Text erzählen – das hilft, beim Schreiben nicht in verkopfte, langatmige Sätze zu verfallen. Mit der Zeit werden Sie so einen lebendigen, ansprechenden Schreibstil entwickeln.

„Schreib, wie du sprichst!" – da ist viel Wahres dran, wie wir gesehen haben. Aber nicht alles, was uns über die Lippen geht, sollte auch aus der Tastatur kommen. Mehr darüber verrate ich Ihnen in Teil 2.

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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Schreibcoach, Dozentin und Autorin helfe ich Ihnen, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und so in Beruf und Business voranzukommen.

  • Sehr geehrte Frau Dr. Frings,
    Ihre Erläuterungen in der Schreibweise sind wirklich sehr beeindruckend.
    Hätte es nie für möglich gehalten, das durch eine kleine Wortumstellung ein ganzer Satz vollkommen anders klingt.
    Somit auch in einem Anschreiben für Kunden, diese mit ganz kleinen Wortänderungen viel besser ansprechen kann.
    Somit erzielt man auch beim Kunden eine ganz andere Reaktion.
    Vielen Dank für diese einfachen aber wirkungsvollen Hinweise.

    Mit freundlichem Gruß
    Jürgen Pauls

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