Mit diesen 3 Stilfiguren von 10 auf 1000 Leser – Teil 3: die Personifikation

Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben (Goethe an Eckermann).

Na, wir wollen mal nicht übertreiben, denken Sie? Da muss ich Ihnen widersprechen: doch! Eine große Leserzahl anzustreben ist eine perfekte Motivation, die Kreativität bei Stilfiguren aufs Höchste zu aktivieren. Mit einem gelungenen, frischen Sprachbild flammt ihr Text auf und züngelt noch eine Weile im Gehirn des Lesers. Darauf kommt es an. Nur so bleiben die Leser bei Ihrem Webtext. Und kommen wieder.

Zwei der drei effektvollsten Stilfiguren habe ich Ihnen schon vorgestellt, in Teil 1 den Vergleich, in Teil 2 die Metapher. Jetzt geht's an die dritte Stilfigur, die Personifikation.​

1. Was ist eine Personifikation und wie funktioniert sie?

Die Personifikation gehört zu den Stilfiguren, die abstrakten Dingen, ​Tieren oder Pflanzen, Eigenschaften oder Handlungen zuschreibt, die sonst nur einer Person zugeordnet sind. Die Personifikation wird auch als Vermenschlichung bezeichnet.

Und wie bei den beiden anderen Stilfiguren Vergleich und Metapher erhöht die Personifikation die Lebendigkeit und Anschaulichkeit Ihrer Sprache. Hier ein Beispiel:

Am frühen Morgen kitzelte ihn ein Sonnenstrahl an der Nase.

Das Substantiv „Sonnenstrahl“ wird hier mit der Handlung „kitzeln“ verbunden. Dadurch kann der Leser die Wirkung des Sonnenstrahls, der ja in der Realität nicht tastbar ist, fühlbar wahrnehmen. Denn unter „kitzeln“ kann sich jeder Leser etwas vorstellen, vor allem die Wirkung in der Noch-halb-im-Schlaf-vor-sich-hindusel-Phase.

Neulich fand ich in der FAZ die erfrischende Charakterisierung Kopenhagens als eine der schönsten und tätowiertesten Städte der Welt. Hier versieht der Autor den allgemeinen Begriff Stadt mit einer menschlichen Eigenschaft und pflanzt so unmittelbar ein Bild in den Kopf des Lesers.

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2. Wie entwickle ich eine gekonnte Personifikation?

Die Personifikation ist recht einfach zu bilden. Aber auch bei ihr gilt: Stilfigur ist nicht gleich Stilfigur. Eine alltägliche, abgenutzte Personifikation lässt jeden Leser im Schnarchmodus. Dazu gehören zum Beispiel Vater Staat oder die erwachende Natur.

Schauen wir mal auf das sprachlich anspruchsvolle Thema „Gefühle beschreiben“. Empfindungen sind ja immer etwas Abstraktes. Da stellt sich die Frage, wie kann ich mit sprachlichen Mitteln dem Leser ein sinnlich wahrnehmbares Gefühl vermitteln? Nehmen wir die Angst und dazu den Beispielsatz:

Die Angst schnürte ihm die Kehle zu.

Hier haben wir zwar eine Personifikation. Aber spüren Sie ein sinnliches Empfinden? Ich nicht. Zu oft habe ich diese Stilfigur gelesen, sie langweilt mich. Was können wir tun?

Als erstes fragen Sie sich: Was empfinde ICH, wenn ich Angst habe oder sehr aufgeregt bin? Also, ich selber bekomme kalte Hände und einen trockenen Mund.

Wie wäre es entsprechend mit diesem Satz?

Die Angst kroch sein Hosenbein hinauf, fror seine Hände ein und trocknete seinen Mund aus.

Hier kann der Leser mitempfinden, ja mitleiden.

3. Die kombinierte Personifikation

Eine Kombination aus Personifikation, Metapher und Vergleich ist nicht nur möglich, sondern sehr empfehlenswert und sie wird Ihnen sicher auch mal automatisch aus dem Handgelenk kommen. Starre Grenzen sind im Meer der sprachlichen Bilder sowieso keine gegeben. Wo kämen wir da hin? Jedenfalls nicht zur Insel der mitreißenden Sprachbilder und glückseligen Leser.

Hier als Ansporn noch ein Beispiel aus der Literatur, das wie ein Fingerschnipp-Erkennungsprogramm für Online-Bestellungen daherkommt – mit dem Unterschied, dass es das literarische Meisterstück schon gibt:

Es war, als ginge ihm etwas nach und als müsse ihn was Entsetzliches erreichen, etwas, das Menschen nicht ertragen können, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm. (Büchner, Lenz, nachts im Gebirge)

Zunächst bringt der Autor zwei Vergleiche mit „als“, steigert dann den dritten durch eine Kombination von Personifikation und Metapher. Indem der Autor den Wahnsinn durch sein Tun vermenschlicht, ergibt sich automatisch eine neue Bedeutungsebene.

Fazit:

Trauen Sie sich, gerade bei einem abstrakten Begriff, der nicht sinnlich erfahrbar ist, einmal die Stilfigur der Personifikation anzuwenden. Und so den Leser mitfühlen zu lassen.  Tauchen Sie dafür ein ins Meer der sprachlichen Möglichkeiten und Bilder und lassen Sie Ihren Ideen freien Lauf! So klettert die Anzahl der Leser mühelos zu Ihrem Wunschgipfel.

Hier wieder ein kleines Schreib-​Traning für Sie. Finden Sie für folgende altbekannte Personifikationen neue, frische Bilder! Orientieren Sie sich am Beispiel der „Angst" unter Punkt 2.

Der Schrecken fuhr ihr in die Glieder.

Die Zeit rannte mir davon.

Die Sonne lacht.

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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Schreibcoach, Dozentin und Autorin helfe ich Ihnen, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und so in Beruf und Business voranzukommen.

  • […] In einer dreiteiligen Beitragsserie habe ich mich mit den drei Stilfiguren Vergleich, Metapher und Personifikation ausführlich befasst und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für eigene, frische Sprachbilder […]

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