Muntermacher der Woche – Nr. 1

kaffeetasse mit keks zu Satzbau

"Während er auf den Mann sah, der etwas an seinem Körper verübte, glaubte er selbst einen spitzen, tiefen Schmerz zu empfinden, einen Schmerz so spitz wie eine Haarwurzel und so tief wie der Brunnen eines menschlichen Auges."

(Siegfried Lenz, Der Überläufer)

Ich weiß ja nicht, wie Sie es empfinden, aber mir geht dieser Satz unter die Haut. Und das im wahrsten Wortsinne. Warum ist das so? Sicher, es hat etwas mit dem Inhalt zu tun (es geht um einen Mann, der sich eine Spritze setzt), aber vor allem auch mit dem professionellen Schreibstil. Und der ist zu 90 % Handwerk, also lernbar.

Sie fragen sich jetzt, wie Sie das Zitat konkret für Ihr Schreib-Training nutzen können?

Na, schauen wir uns das Ganze mal näher an.

Stilmerkmal 1: ideale Satzverbindung

Wir haben hier ein vorbildhaftes Satzgefüge: ein Hauptsatz und zwei Nebensätze. Der Hauptsatz enthält die Hauptaussage: „... glaubte er selbst einen spitzen, tiefen Schmerz zu empfinden“. Dem sind vorangestellt ein temporaler Nebensatz, „während ...“ und ein eingefügter Relativsatz als nähere Erklärung zu „Mann“.

Unser Zitat zeigt, dass die Nebensätze nicht immer an den Hauptsatz angehängt sein müssen, wie es oft empfohlen wird. Diese Faustregel soll ein Ineinanderschachteln von Hauptsatz und Nebensätzen verhindern. Denn das lässt den Leser durch den Satz stolpern (wie Sie dagegen leserfreundliche Sätze bauen und vieles andere gibt es in meinem kostenlosen E-Book Einfach wissen, worauf es beim Texten ankommt.)

Stilmerkmal 2: zeitlich logische Abfolge der Sätze

  1. der Protagonist sieht den Mann

  2. er sieht das, was dieser macht

  3. das Schauen löst beim Protagonisten eine Empfindung aus.

Und diese Empfindung beschreibt der Autor so präzise, dass vor unserem geistigen Auge Bilder entstehen.

Wodurch erreicht der Autor das?

Stilmerkmal 3: rhetorische Stilfiguren

Durch drei beliebte rhetorische Stilmittel. Zunächst ist da der Vergleich: „so spitz wie“, „so tief wie“ – mehr Anschaulichkeit geht kaum. Dann haben wir eine Wiederholung: „einen Schmerz“. Sie hebt generell ein wichtiges Wort hervor. Und als Höhepunkt zum Schluss eine brillante Metapher: „der Brunnen eines menschlichen Auges“ (den Stilfiguren und wie Sie diese für Ihren Text nutzen können werde ich mich in einem der nächsten Artikel widmen).

Übrigens: Wenn Sie ein Buch von Siegfried Lenz lesen, werden Sie merken, dass der Autor vor allem Hauptsätze benutzt – was den Leser mühelos durch den Text gleiten lässt.

Achten Sie darauf, dass Ihre Sätze überschaubar bleiben. Ideal ist eine Kombination aus einem Hauptsatz und zwei Nebensätzen. Wie gesagt: ideal. Nicht alle Satzgefüge müssen sich sklavisch daran halten. Wichtig ist: die Nebensätze sollten in einer (zeitlich) logischen Folge stehen.

Kleiner Tipp zum Schluss: Ihr Text wirkt lebendig, wenn sich reine Hauptsätze mit Hauptsätzen plus Nebensätzen abwechseln. Auf zwei kürzere Hauptsätze sollte zum Beispiel ein Hauptsatz mit Nebensätzen folgen – damit der Text nicht zu staccatohaft wirkt.

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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Schreibcoach, Dozentin und Autorin helfe ich Ihnen, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und so in Beruf und Business voranzukommen.

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