Schachtelsätze? So machen Sie ihnen den Garaus!

schachtelsätze

An den Tag kann ich mich noch gut erinnern – als ich an der Uni mein erstes Referat hielt. Tagelang hatte ich an der Sprache gefeilt, bis die Finger schmerzten. Und dann das: Der Dozent riet mir, schleunigst die Schachtelsätze zu kürzen, der Text sei so fast unlesbar. Peng! Da hatte ich's .
Nach der ersten schmerzenden Enttäuschung war ich dankbar für die klare Kritik. Und ich begann, die Schachtelsätze in die ewigen Jagdgründe zu befördern! Später erntete ich für meine verständlichen Texte sogar Dozentenlob. 🙂

Diesen Hang haben wir Schreiber wohl alle: Wir meinen, komplizierte Inhalte mit kompliziertem Satzbau ausdrücken zu müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Je anspruchsvoller der Inhalt, desto einfacher sollten die Sätze gebaut sein. Sonst schaltet der Leser schneller ab als Sie „Schachtelsätze“ sagen können! 

Mit welcher einfachen Regel Sie den Web-Nutzer und Leser locker bei Ihrem Text halten? Das zeige ich Ihnen nun.

1. Schachtelsätze vermeiden: Vorsicht beim Einfügen von Nebensätzen!

Wer (= Subjekt) tut was oder wem widerfährt etwas? Das ist die Kernfrage jedes Satzes. Egal, ob in einem Marketingtext oder einem Fachartikel. Und diese Frage sollten Sie frühzeitig beantworten, damit Ihr Leser keine hektischen Flecken im Gesicht bekommt.

Das heißt, zwischen dem Subjekt und dem Verb sollten Sie möglichst keine Wörterschlangen freilassen. Schon gar nicht in Form eines Nebensatzes. Schauen Sie einmal. Diesen Satz konsumieren Sie locker, während Sie in Ihr Croissant beißen: 

Kolumbus sollte ein Zehntel der zu erwartenden Gewinne bekommen.

Bei diesem Satz dagegen werden Sie nur knapp dem Hungertod entkommen:

Kolumbus, der insgesamt acht Jahre auf die Akzeptanz seiner Pläne, zunächst am portugiesischen, dann am spanischen Königshof, warten musste, sollte laut Vertrag mit dem spanischen Königshaus ein Zehntel der zu erwartenden Gewinne bekommen.

Kolumbus … Wurde gemobbt? Wurde 100 Jahre alt? Was?! Er sollte ein Zehntel der Gewinne bekommen? 18 Wörter zu spät, Vertrag abgelaufen.

Hier hat der Schreiber es versäumt, sich zunächst zu fragen: Welche Informationen will ich überhaupt mitteilen? Um dann einen Gedanken nach dem anderen in die Tastatur fließen zu lassen.

Jede neue Information erhält möglichst einen neuen Satz. Mit dieser Goldenen Regel formen wir jetzt den Satz um.
Erste Info: Kolumbus musste warten; zweite Info: ihm sollten Gewinne zukommen. Also bauen wir damit zwei konsumierfreundliche Sätze: 

Kolumbus musste insgesamt acht Jahre auf die Akzeptanz seiner Pläne warten, zunächst am portugiesischen, dann am spanischen Königshof. Laut Vertrag mit dem spanischen Königshaus sollte er ein Zehntel der zu erwartenden Gewinne bekommen. 

Noch ein Beispiel aus einem Protokoll:

Auf der Grundlage der beiden Veranstaltungen entwickeln die einzelnen Gruppen ein Arbeitsprogramm, das, nachdem es in einer Diskussionsrunde mit Experten aus Behörden, Organisationen und anderen Akteuren erörtert wurde, als Basis für den eigentlichen Entscheidungsprozess dient.

Ein Schachtelsatz par excellence. Wir dröseln erst wieder die einzelnen Informationen auf: 1. auf der Grundlage der beiden Veranstaltungen entwickeln die Gruppen ein Arbeitsprogramm, 2. das Arbeitsprogramm wird in einer Diskussionsrunde erörtert, 3. es dient dann als Basis für den Entscheidungsprozess. So, und nun teilen wir eine Information nach der anderen in einem eigenen Satz mit:

Auf der Grundlage der beiden Veranstaltungen entwickeln die einzelnen Gruppen ein Arbeitsprogramm. Dieses wird dann in einer Diskussionsrunde mit Experten aus Behörden, Organisationen und anderen Akteuren erörtert. Später dient es als Basis für den eigentlichen Entscheidungsprozess.  

So gleitet der Leser auf Adler-Schwingen durch den Text.

Erliegen Sie also bitte nicht der Versuchung, möglichst viele Informationen in einen einzigen Satz zu packen: Er wird garantiert bersten und dem Leser um die Ohren fliegen! Setzen Sie zu einem neuen Satz an, wenn ein Gedanke formuliert ist. 

2. Schachtelsätze vermeiden: Achtung auch bei Aufzählungen!

Auch Haustiere wie Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster und Mäuse, weniger dagegen Ratten oder Fische, erfreuen sich bei Kindern großer Beliebtheit.

Auch Haustiere … – ja, was? Aha, nach 13 Wörtern ... erfährt der Leser endlich, worum es geht: erfreuen sich großer Beliebtheit. Kleine Faustregel: Zumutbar für den Leser sind zwischen Subjekt und Verb ca. 6 Wörter, das entspricht den 3 Sekunden, die unser Kurzzeitgedächtnis durchschnittlich überbrücken kann, ohne dass wir den Satz noch einmal von vorne lesen müssen. Was der Webleser eh nicht tun wird, denn er wird den Klickfinger kurz aufzucken lassen.

Wie können wir das verhindern und dem Leser nun solch eine Aufzählung fließend präsentieren? Ganz einfach: Gemäß der Goldenen Regel bauen wir wieder zwei Sätze; gerade bei Aufzählungen gelingt das leicht mit Formu­lierungen wie „dazu gehören“ oder „zu nennen sind“. Schauen Sie:

Auch Haustiere erfreuen sich bei Kindern großer Beliebtheit. Dazu gehören Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster und Mäuse, weniger dagegen Ratten oder Fische.

Oder Sie benutzen den Doppelpunkt:

Auch Haustiere erfreuen sich bei Kindern großer Beliebtheit: Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster und Mäuse, weniger dagegen Ratten oder Fische.

Fazit:

Jetzt fällt es Ihnen bestimmt nicht mehr schwer, Schachtelsätzen den Garaus zu machen. Beachten Sie beim Schreiben einfach die Goldene Regel: Jede neue Information bekommt einen neuen Satz. Und der Leser bleibt gerne bei Ihrem Text. 

Wussten Sie übrigens, dass es jedes Jahr am 25. Februar in Deutschland einen Tag der Schachtelsätze gibt? Nein, kein Witz. 🙂

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Über die Autorin Dr. Gabriele Frings

Als Schreibcoachin, Trainerin, Textberaterin, Dozentin helfe ich Ihnen, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und in Beruf und Business erfolgreich zu sein.

  • Nicole Mayer sagt:

    Liebe Frau -Dr. Frings,
    Ihre Beiträge sind immer wieder lesenswert. Sie geben Tipps, die man direkt im täglichen Schreiben umsetzen kann. Vielen Dank!
    Heute habe ich mal eine Frage: Zählen Aufzählungen auch zu den Schachtelsätzen?

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Liebe Frau Mayer,
      vielen Dank für Ihr Lob. Ja, sie haben recht, die Aufzählung hier ist kein Schachtelsatz im eigentlichen Sinne. Ein Schachtelsatz (auch Hypotaxe genannt) ist ein komplexes Satzgefüge, bei dem in einen Hauptsatz untergeordnete Nebensätze eingefügt sind. Besonders kompliziert zu lesen sind Sätze, bei denen in einen Nebensatz noch ein weiterer Nebensatz (Nebensatz 2. Ordnung) hineingeschachtelt ist. Beispiel: „Trotz der verbreiteten Behauptung, dass ein hohes Sicherheitsrisiko durch herstellungsbedingte Wasserstoffeinschlüsse im Reaktordruckbehälter bestünde, die von Kritikern als ‚Risse‘ bezeichnet werden, bestehen laut Experten keine Bedenken für die Reaktorsicherheit.“
      Im Beitrag oben ist mir wichtig zu zeigen, dass der Leser auch bei Aufzählungen stolpern kann, in denen das Verb erst Kilometer nach dem Subjekt erscheint (was ja eine Spezialität der Schachtelsätze ist).
      Viele Grüße
      Dr. Gabriele Frings

  • Robert sagt:

    Liebe Gabriele ,
    vielen Dank für diesen Lehrreichen Blogbeitrag 🙂
    Immer wieder muss ich mich dabei erwischen Schachtelsätze zu bilden.Danach frage ich mich wer kann so etwas lesen 😉
    Vielen Dank!
    Freue mich auf den nächsten Beitrag.

    Liebe Grüße aus
    Ostfriesland

    Robert Eggen

    • Dr. Gabriele Frings sagt:

      Wie schön, dass der Artikel hilfreich ist. Und: Der nächste Beitrag kommt bestimmt. 🙂
      Dann weiterhin spannendes Texten!
      Viele Grüße
      Dr. Gabriele Frings

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