Zeichensetzung leicht gemacht (2): Anführungszeichen ja – aber bitte nicht als Bienenschwarm!

distelblüte zu anführungszeichen

Hornissen können einem das Ohr absäbeln, Anführungszeichen die Augen ausstechen. Beides habe ich vor kurzem erlebt: das eine bei einer Eifel-Wanderung, das andere bei der Lektüre eines Werbetextes, den mir eine befreundete Unternehmerin gab. Mir wurde regelrecht schwindlig vor lauter schwirrender Häkchen. Dabei wollte die Autorin ganz arglos nur bestimmte Wörter betonen.

Aber: nicht jedes Wort, das wir betonen wollen, gehört in Anführungstriche gesetzt. Das Anführungszeichen am Anfang und das Abführungszeichen am Ende eines Wortes oder einer Wortgruppe dienen vor allem der Hervorhebung im Text. Für die Betonung haben wir heute dank der Textverarbeitungsprogramme andere Möglichkeiten wie Kursivsetzung, Fettung oder die Kapitale.

Dennoch werden die vier Häkchen von vielen Textern allzu großzügig benutzt​. An manchen Stellen winden sich die Zeichen vor lauter Unwohlsein. Wo sie sich wirklich wohlfühlen, das zeige ich Ihnen hier. Ebenso, wie Sie mit korrekt gesetzten Anführungszeichen Ihre Leser vor einer Häkchen-Narkotisierung bewahren.

1. Anführungszeichen – bei wörtlicher Rede und Zitaten

Diese Regel kennen auch sicher Sie noch. Hier einige Beispiele:

Er sagte: „Ich komme heute nicht.“

Du räumst sofort das Zimmer auf!“, befahl sie.

Wenn Sie das gelesen haben, kennen Sie die Verwendungsmöglichkeiten der Anführungszeichen“, schrieb sie.

Zu seinem Lebensmotto wurde Wittgensteins Ausspruch „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“.

Achtung beim Schlusspunkt: vor dem Komma und dem Punkt wird der Schlusspunkt des wörtlich wiedergegebenen Satzes weggelassen (Satz 3, 4). Andere Satzzeichen wie Ausrufe- oder Fragezeichen bleiben bestehen (Satz 2).

2. Anführungszeichen – heben hervor

Wenn wir über ein Wort oder eine Wortgruppe eine Aussage machen, dann setzen wir sie in Anführungsstriche: 

Früher nannten wir die Anführungszeichen „Gänsefüßchen“. 

Das Wort „röntgen“ leitet sich von dem berühmten Physiker Conrad Röntgen her.

Das gleiche gilt für Namen von Musikstücken, Kunstwerken, Zeitschriften, Zeitungen, Produkten, für Titel von Büchern, Filmen, Fernsehsendungen und generell für Namen, die im alltäglichen Leben auch eine andere Bedeutung haben können: 

Im „Spiegel“ war zu lesen, dass die Prominenz gebannt Bachs „Fuge” gelauscht hatte.

Der neue Regisseur hatte eine bildgewaltige „Odyssee"-Performance inszeniert.

Und mit Goethes „Faust“ ist nicht die geballte Hand des Dichterfürsten gemeint. 😉

3. Anführungszeichen – für Ironie und Distanz

Mit den vier kleinen Strichen können wir auch signalisieren: Achtung, hier ist Ironie im Spiel! 

Sie hatte „nur” die Silbermedaille gewonnen.

Und diesem Chef sollten Sie morgens vielleicht aus dem Weg gehen:

Schon am frühen Morgen verbreitete er mal wieder seine „gute Laune".

Nicht immer aber will der Schreiber mit den Anführungszeichen ein Augenzwinkern signalisieren, sondern eben nur eine Wortgruppe hervorheben. Im schlimmsten Fall kommt das jedoch beim Leser so nicht an. Wenn Sie so etwas in einem Restaurant lesen:

Bei uns bekommen Sie „frischen Fisch".

Dann sollten Sie vorsichtshalber lieber etwas anderes bestellen.​

Sie sehen, das gedankenlose Setzen von Häkchen kann zu Missverständnissen oder gar zu verärgerten Reaktionen beim Leser führen.

Noch einmal: generell benutzen wir Anführungsstriche, wenn etwas nicht in seiner wörtlichen Bedeutung gemeint ist. Und das sogar in der gesprochenen Sprache! Wer von uns hat nicht schon einmal beim Sprechen mit den Zeige- und Mittelfingern vier Häkchen in die Luft gezeichnet, um dem Gegenüber klarzumachen: das meine ich natürlich nicht wörtlich! Das ist übrigens der einzige mir bekannte Fall, wo ein Satzzeichen als Hilfsmittel ins Mündliche rutscht. Denn es ist ja umgekehrt: die sieben Satzzeichen sind Hilfen, um die Spontaneität der Rede wenigstens annähernd ins Schriftliche zu übertragen.
Ein letztes: auch wenn wir ausdrücken wollen, dass wir uns von einem Begriff distanzieren, benutzen wir die Anführungszeichen:

Solch eine „Säuberungsaktion" soll nun regelmäßig im Bahnhofsviertel stattfinden.​

Damit sind die stilistisch einwandfreien Anwendungsmöglichkeiten der Anführungszeichen auch schon erschöpft. Im Folgenden noch eine häufig anzutreffende Stil-ist-mir-piepegal-Praxis.

4. Anführungszeichen – bitte nicht so!

Eine Abonnentin schickte mir diesen Beispielsatz:

E-Commerce-Frameworks gelten durch ihren großen „Trumpf“, die gezielte Individualisierung, als zukunftsweisende Shopsystemlösung.

Es scheint mir, dass hier weder Ironie noch eine übertragene Bedeutung im Spiel sind, vielmehr der Verfasser weiß, das Substantiv „Trumpf" passt eigentlich nicht so richtig und deshalb versieht er es mit Häkchen, ein Vorgehen, dass mir häufiger in Texten begegnet. Das sieht nicht gut aus. Besser ist es, hier ein passenderes Wort zu wählen (z. B. Vorteil) oder den „Trumpf" ersatzlos zu streichen.
Auch im folgenden Satz signalisieren die Strichlein, dass dem Schreiber nichts Besseres eingefallen ist:

Das weltweite Netz vergisst nichts; diese „Marotte” des Internet sehen viele als Eingriff in ihr selbstbestimmtes Leben.

Solch eine Verlegenheitsverwendung der Anführungszeichen hat mit gutem Stil so viel zu tun wie Pommes frites mit einer frischen Kartoffel. Ich wette, Ihnen fallen für das Wort „Marotte" bestimmt passendere Alternativen ein. Gerne können Sie mir diese im Kommentar zukommen lassen. 🙂

Fazit

Wenn Sie nicht wollen, dass dem Leser vor lauter Anführungszeichen die Sinne schwinden oder er Ihre Aussage komplett missversteht, dann beachten Sie Folgendes:

  • Anführungszeichen dienen nicht der Betonung, sondern der Hervorhebung! Also keine Häkchen-Schwärme aussetzen.
  • Anführungsstriche bei wörtlicher Rede und Zitaten
  • Anführungszeichen kennzeichnen Ironie oder Distanzierung
  • Keine Verlegenheitshäkchen setzen – nach dem Motto „Ich weiß, das Wort passt nicht, aber mir fällt nichts Besseres ein”.

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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Autorin, Publizistin und Schreibcoach helfe ich Ihnen dabei, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und mit mehr Freude ans Texten zu gehen.

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6 Kommentare
Cecile Lecaux says 27. Juni 2017

Hallo Frau Frings,
wie wäre es mit „Eigenart“ statt „Marotte“? 🙂
Vielen Dank für Ihre vielen nützlichen Tipps . Ihr Blog ist einer der wenigen, die ich regelmäßig lese 🙂
Viele Grüße

Cécile Lecaux

Reply
    Dr. Gabriele Frings says 27. Juni 2017

    Hallo Frau Lecaux,
    das ist eine sehr gute Alternative. Weiterhin viel Freude beim Lesen meines Blogs! 🙂
    Herzliche Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Daniela P says 27. Juni 2017

.Hallo Frau Frings,
Da ich Fan von kurzen Sätzen bin, würde ich das ersatzlos streichen 🙂
Das weltweite Netz vergisst nichts. Das sehen viele als Eingriff in ihr selbstbestimmtes Leben.
Lieber Gruss
Daniela P

Reply
    Dr. Gabriele Frings says 27. Juni 2017

    Hallo Frau Peters,
    da ich die kurzen, kraftvollen Sätze propagiere, stimme ich Ihrer Version vollkommen zu. 🙂
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Stefan Voithofer says 2. Juli 2017

Hallo Frau Dr. Frings,
die Leidenschaft für korrekte Satzzeichen teilt ja nun nicht jeder. Nachdem ich selber mir gelegentlich den Vorworf eines „I-Tüpfl-Reiters“ einhandle, habe ich mich über Ihren Beitrag sehr gefreut!
Dieser behandelt zudem bei nicht zu großem Umfang das Thema dennoch umfassend und sehr präzise formuliert. Beste Grüße aus Salzburg!

Reply
    Dr. Gabriele Frings says 3. Juli 2017

    Hallo Herr Voithofer,
    das ist schön! 🙂 Ich kann Sie als „I-Tüpfl-Reiter” (was für ein hübsches Wort :-)) nur unterstützen. Die Satzzeichenregeln entspringen ja nicht der Willkür, sondern haben ihren Sinn darin, die schriftsprachlichen Defizite gegenüber der mündlichen Sprache ein wenig aufzufangen.
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

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