Den Schreibstil verbessern: Meiden Sie Mode-Adjektive!

Neulich klagte mir ein Marketingleiter und treuer Leser meines Blogs sein Leid: Es nerve ihn, immer wieder die gleichen Modewörter zu lesen, die einer vom anderen abschreibe. Ob denn heute kein Texter mehr nachdenke? Damit rannte er bei mir offene Türen ein. Ich habe mir daraufhin einige XXL-Mode-Adjektive einmaI herausgesucht und für diesen Artikel unter die Lupe genommen.

Adjektive sind an sich als Beifügungen zu Substantiven eine tolle Möglichkeit, dem Leser Informationen zu einer Sache oder Person in kurzer, knackiger Form zu liefern. Aber Achtung! Es gibt gute, erfrischende und schlechte, langweilende und schlicht überflüssige Adjektive, wie ich in einem anderen Beitrag gezeigt habe. Zu den Pfui!-Adjektiven zähle ich auch die Mode-Adjektive.

Ich weiß, es ist gar nicht so einfach, diese zu meiden, da sie uns pausenlos in den Ohren klingeln. Aber wollen Sie Ihre Sätze wirklich mit Wörtern nach Max-Mustermann-Schema verschandeln? Besser nicht. Denn unser Ziel ist ja, dass sich Ihre Texte von fader Massenware abheben. Wenn Sie also Ihren Schreibstil verbessern wollen, dann achten Sie zukünftig auf die folgenden Pfui!-Adjektive.

1. Der Vielfraß: zeitnah

Beginnen wir mit zeitnah, ein modisches Unwort, das viele schöne Wörter in kurzer Zeit aufgefressen hat: bald, demnächst, gleich, jüngst, prompt, rasch, schnell, schnellstmöglich, sofort, umgehend, unverzüglich.

Sie sehen, wie dehnbar und unpräzise das Wörtchen zeitnah ist, es reicht von sofort bis bald.

​Deshalb gehört es auch zum Lieblingsvokabular der Politiker, das bekanntlich aus lauter Ich-will-mich-nicht-festlegen-Formulierungen besteht. Und man fragt sich bei Sätzen wie Eine Senkung der Steuern wird zeitnah erfolgen unwillkürlich: Wie nah an was? Allenthalben ist von „zeitnahen Lösungen" und „zeitnahen Maßnahmen" die Rede – reine Floskeln.
Wie hätten die Presseleute damals wohl reagiert, wenn Schabowski am 9. November 1989 auf die Frage, wann das neue DDR-Reisegesetz in Kraft trete, nicht „sofort, unverzüglich", sondern „zeitnah" gestammelt hätte?

SIE sollten also den Leser nicht komplett im Dunkeln tappen lassen, indem Sie schreiben:

Ihre Anfrage wird zeitnah beantwortet.

Sondern:​

Ihre Anfrage wird schnellstmöglich beantwortet.

Oder: Sie bekommen eine umgehende Antwort von uns.

2. Der üble Fallstrick: zeitgleich

Zeitgleich ist nicht nur modisch, sondern auch noch eine Stolperfalle. Denn es wird immer fälschlich für gleichzeitig gebraucht! Zeitgleich sagt nur etwas über die Dauer aus, nicht über den Zeitpunkt. Zwei Züge können zeitgleich fahren, was bedeutet, dass sie die gleiche Fahrtzeit haben. Wenn Sie aber berichten wollen, dass beide im selben Moment im Bahnhof einfahren, dann können Sie nur schreiben:

Beide Züge kamen gleichzeitig im Bahnhof an.

Und wenn zwei Sportler in zwei verschiedenen Läufen die gleiche Zeit gebraucht haben, dann sind sie zeitgleich gelaufen. Im selben Lauf aber können sie nur gleichzeitig ins Ziel kommen.

Erst gestern fand ich diesen Satz in der Tageszeitung:

Die junge Generation heute kann zeitgleich im Internet surfen, twittern und Vokabeln lernen.

Das ist bedenklich, finde ich, denn fürs Vokabelpauken sollten die Kids mindestens doppelt soviel Zeit aufwenden wie fürs Twittern.​ Aber das hat der Autor natürlich gar nicht gemeint, sondern er verwechselte mal wieder zeitgleich mit gleichzeitig.

3. Das unsinnige Adjektiv: vergleichbar

Vergleichbar, das heißt: etwas kann mit etwas verglichen werden. Etwas? ALLES auf dieser Welt kann mit ALLEM verglichen werden. Insofern ist dieses Adjektiv – richtig, meistens entbehrlich. Dennoch ist es eines der am meisten gedankenlos gebrauchten Wörter.

Dieselfahrzeuge stoßen mehr Schadstoffe aus als vergleichbare Benziner.

Die Goji-Beere enthält mehr Vitamin C als vergleichbare andere Beerenfrüchte.

In vielen Fällen ist mit vergleichbar gemeint: ähnlich, sehr ähnlich, entsprechend, gleich, fast gleich, gleichartig – dann schreiben wir es auch so hin:

Keine andere Vogelart baut vergleichbar komplexe Nester wie die Beutelmeise. → Keine andere Vogelart baut ähnlich komplexe Nester wie die Beutelmeise.

Das gilt für alle Texte mit vergleichbarem Anspruch.
→ Das gilt für alle Texte mit gleichem Anspruch.

Welcher Politiker würde unter vergleichbaren Umständen eine Willkommenskultur vertreten?
→ Welcher Politiker würde unter gleichartigen Umständen eine Willkommenskultur vertreten?

4. Der Mode-Superlativ: nachhaltig

Nachhaltig – DAS Modewort schlechthin. Ob es um Klimawandel, Ernährung, Wirtschaft, Politik geht, alles muss nachhaltig passieren. Auch in Unternehmenstexten wird dieses Ich-plappere-gerne-nach-Adjektiv mittlerweile häufig benutzt, so wie hier:

Wenn Sie Unterstützung bei der Entwicklung von nachhaltigen IT-Lösungen benötigen, dann sind wir für Sie da.

Was, bitte, ist eine nachhaltige IT-Lösung?! Nachhaltig ist ein über 300 Jahre alter Begriff aus der Forstwirtschaft und meint, dass die Holznutzung nachgehalten wird, damit Abholzung und Nachwachsen ausbalanciert sind.
Gemeint ist heutzutage in 90 % der Fälle aber: beständig, bleibend, dauerhaft, immerwährend, kontinuierlich, solide. Schreiben Sie also:

Wenn Sie Unterstützung bei der Entwicklung von soliden IT-Lösungen benötigen, dann sind wir für Sie da.

Sollte es einmal tatsächlich um ein ausbalanciertes Wirtschaften gehen, gibt es für das Adjektiv nachhaltig noch das Synonym ressourcenschonend. Das Wort zukunftsfähig, wie im Papier des „Rats  für nachhaltige Entwicklung" zu lesen, ist auch nicht besser als nachhaltig.

Vielleicht haben auch Sie ein Mode-Adjektiv, das Ihnen immer wieder negativ auffällt? Teilen Sie es mir gerne im Kommentarfeld mit!

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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Autorin, Publizistin und Schreibcoach helfe ich Ihnen dabei, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und mit mehr Freude ans Texten zu gehen.

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10 Kommentare
Barbara Piplits says 23. August 2017

Liebe Frau Dr. Frings,
Ihr heutiger Artikel war ebenso erheiternd wie lehrreich. Ich bin mir sicher, ich habe zeitgleich nachhaltig dazugelernt und zeitnah sowieso.

Reply
    Dr. Gabriele Frings says 24. August 2017

    Liebe Frau Piplits,
    ich interpretiere das mal so, dass Sie bisher keinen vergleichbar lehrreichen Artikel gefunden haben. 😉
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Torsten Priesemann says 23. August 2017

Sehr geehrte Frau Dr. Frings,
ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen oft Schmerzen bereitet, Ihrer Umwelt ein Ohr schenken zu müssen. Unsere Sprache verkommt leider. Ich befleißige mich stets, einen inhaltlich und grammatikalisch einwandfreien Ausdruck an den Tag zu legen. Doch der Inhalt Ihrer Beiträge verursacht Ehrfurcht in mir. Ich kann noch viel von Ihnen lernen. Vielen Dank. Halten Sie die Fahne unserer schönen Muttersprache hoch!
Mit freundlichem Gruß
Torsten Priesemann

Reply
    Dr. Gabriele Frings says 24. August 2017

    Hallo Herr Priesemann,
    ja, um einen guten Schreibstil zu pflegen und ihn zu vermitteln, kommt man nicht ganz umhin, auch die strukturellen Besonderheiten zu kennen, die das Deutsche nicht nur vom Englischen, sondern auch von den romanischen Sprachen unterscheidet. EINE Spezialität sind etwa die zusammengesetzten Substantive (Komposita), Beispiel: Bücherregal, ein Wort, das uns selbstverständlich erscheint. Der Franzose muss eine Präposition zu Hilfe nehmen: étagère à livres. Diese Möglichkeit des Deutschen verführt andererseits auch wieder zu schwer lesbaren Bandwurmwörtern. Aber darüber mehr in einem späteren Beitrag. Ich versuche jedenfalls mein Bestes.:-)
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Christian F. says 24. August 2017

Ein vergleichbares (!) Modewort ist „aktuell“. Es frisst Wörter wie „zurzeit“, „momentan“ etc. Und wenn man darauf achtet, merkt man, dass dieses Wort oft ersatzlos gestrichen werden kann. „Die Firma denkt aktuell über eine Lösung nach“. Das Präsenz macht hier bereits klar, dass dies gerade passiert.

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    Dr. Gabriele Frings says 24. August 2017

    Da haben Sie Recht. Das Adjektiv „aktuell“ ist in den meisten Fällen entbehrlich. Hier ein druckfrisches (nee, nicht aktuelles ;-)) Beispiel aus der heutigen Tageszeitung: „Das klappt aber nicht immer, wie der Fall der A 1 zwischen Hamburg und Bremen aktuell zeigt.“ Das aus dem Französischen entlehnte Wort bedeutete ursprünglich „wirklich“. Die heutige Bedeutung „zum gegenwärtigen Zeitpunkt wichtig“ hat sich aus dem Zeitungswesen des 19. Jhs. ergeben.
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Walter Braun says 24. August 2017

Klasse, liebe Frau Dr. Frings, wie Sie auf Gedankenlosigkeit in der Sprache aufmerksam machen, ohne besserwisserisch und gängelnd zu wirken.

Was mich seit Langem umtreibt, sind die unsägtlichen Verballhornungen der deutschen Sprache in den Sprechblasen der aufmerksamkeitsuchenden Menschenbeglücker. Beispiel einer Werbung um Seminarteilnehmer: „Do you speak Talent: Praxisworkshop für Active Sourcing Kommunikation.“ Da kann man nur noch den Mantel der Bamherzigkeit ausbreiten.So geht die ja durchaus zu begrüßende Kultur einer lebendigen, bildhaften und schöpferischen Sprache rasant den Bach runter. Und das durch die Macht gedankenloser Nachplapperer, die gedenglischte Businesssprech als Ausdruck eines aufgeklärten, modernen Lebens betrachten. Einer schreibt beim anderen ab.

Um es frei nach Heine zu sagen: Denk ich an Deutsch in der Nacht, werde ich um den Schlaf gebracht.

Machen Sie die Englisch-/Denglisch-Inflation mal zum Thema?

Viele Grüße
Walter Braun

Beste Grüße aus Heiligenhaus

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    Dr. Gabriele Frings says 24. August 2017

    Lieber Herr Braun,
    danke für Ihren wertschätzenden Kommentar. Ja, das ist ein durchaus lohnenswertes Thema. Ich selbst zucke immer wieder bei den Hybrid-Wortblasen zusammen, auch wenn sie sich eingebürgert haben, wie z. B. das Zeitmanagement (managen = leiten, führen; wer maßt sich an, die Zeit zu führen?!). „Das Zeitmanagement im Projekt muss verbessert werden.“ Gääähn. Welcher Mitarbeiter liest darüber nicht hinweg? Anders sicherlich bei diesem Satz mit einer erfrischenden deutschen Formulierung: „Die zeitliche Einteilung im Projekt muss verbessert werden.“ Und der Mitarbeiter horcht auf.
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Susanne says 29. August 2017

Sehr geehrte Frau Dr.Frings.
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Mich nervt das Wort „abgeholt“ im Zusammenhang mit unterrichten oder informiert! Da wird das Problem von dem der informieren soll zu meinem gemacht.
-Da hat man Sie/Dich nicht abgeholt ! –
So wie vergessen oder du hast es nicht verstanden. Schrecklich… die eigene Unfähigkeit verschleiern, schön verpackt in diesen Satz!

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David Schüppel says 29. August 2017

Sehr interessant, das habe ich so noch gar nicht betrachtet. Ich werde es mir zu Herzen nehmen. Danke für den Artikel!

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