Benutzen Sie wie 90 % der Texter diese schlechten Verben?

Sie lieben Verben? Das ist gut. Ich übrigens auch. Sie verwenden sie vor allem, um Handlungen auszudrücken? Das ist sehr gut. Sie meiden dabei substantivierte Verben wie Behandlung, Betrachtung, Mitteilung und benutzen lieber gleich die Verben behandeln, betrachten, mitteilen? Das ist bestens. Denn das sind wichtige Grundregeln für einen großartigen Schreibstil.

Doch Vorsicht! Nicht alle Verben sind golden. Manche sind nicht einmal bronzen, denn sie sind aussageschwach, aufgebläht oder machen einen Satz konturlos.

Hier die schlimmsten dieser Spezies, die sich gerne in unsere Texte schleichen.

1. machen macht keinen guten Eindruck

Neulich las ich in einem Blog zum Thema Zeitmanagement:

Die Dinge zu verschieben macht wenig Sinn. Außerdem macht es keinen Unterschied, ob du die Aufgabe heute oder in einer Woche erledigst.

Uiih, hier haben wir – richtig, das fade Alltagsverb machen im Doppelpack. Die Sprachfüchse unter Ihnen wissen es sicher: hier sind zwei englischsprachige Strukturen versteckt, übernommen von it makes (no) sense und it makes (no) difference.


Über das Für und Wider solcher Anglizismen ist bereits genug diskutiert worden. Ich stelle nur fest: solcher Mediensprech sorgt dafür, dass wir das ausdruckslose Verb machen vermehrt verwenden. "Leider" deshalb, weil machen schon oft genug in deutschen Sprachgeweben vorkommt. Ja, wir Schreiber sind echte Macher:
Erfahrungen machen, Urlaub machen, eine gute Figur machen, seinen Abschluss machen, Karriere machen, einen guten Eindruck machen, eine Andeutung machen, Essen machen und dann gleich eine Pause machen

Sehen Sie, was ich meine? Und das ist nur eine kleine Auswahl. Darum sollten Sie überall, wo es möglich ist, das allzu blasse machen ersetzen.
Schreiben Sie also beispielsweise statt: eine Andeutung machen, besser machen, fähig machen, möglich machen, teurer machen, billiger machen zwischendurch mal: andeuten, verbessern, ermöglichen, befähigen, verteuern, verbilligen. Und der obige Satz lautet besser:

Die Dinge zu verschieben ergibt wenig Sinn. Außerdem ist es kein Unterschied, ob du die Aufgabe heute oder morgen erledigst.

SO klingt abwechslungsreich. Und der Leser fällt gar nicht erst in die machen-Trance.

2. sein und haben : die Couch-Potatos

Bewegung ist gut, nicht für Ihre Gesundheit, sondern auch für Ihren Text. Bringen Sie Ihr Schreibprodukt auf Trab! Wenn Sie so schreiben:

Sie hatte große Angst vor der Prüfung.

​Dann hat eine Statue mehr Dynamik.

Kurz vor der Prüfung stieg ihr Puls auf über 130, ruhelos ging sie auf und ab und nagte an ihrer Unterlippe.

​DA ist Bewegung drin! Und die reißt den Leser mit.

Das gleiche gilt für das Allerweltsverb sein. Natürlich ist es als Hilfsverb unentbehrlich, vor allem bei zusammengesetzten Zeiten wie dem Perfekt oder beim Passiv. Deshalb spreche ich hier von sein als Vollverb, denn als solches bleibt es fast immer fade und allgemein. Es ist ein Unterschied, ob ich schreibe:

Auf dem Marktplatz war eine große Menschenmenge. (die Statik lässt grüßen)

Oder:

Auf dem Marktplatz drängte sich eine große Menschenmenge.

Bei jedem achtlos verwendeten sein oder haben lohnt es sich zu prüfen, ob sich dahinter nicht eine Bewegung oder ein Ablauf verbirgt, in den Sie den Leser mit hinein ziehen können.

3. beinhalten (warum nicht armhalten?) und andere Umständlichkeiten

Hier darf ich mal eine persönliche Abneigung äußern: beinhalten, wie igitt ist das denn?! Wenn mir dieses Verb begegnet – und das ist leider häufig der Fall – spüre ich wirklich immer einen Druck in der Magengegend.

Das Thesenpapier beinhaltet die wesentlichen Punkte des Referats.

Herrje, warum nicht:

Das Thesenpapier enthält die wesentlichen Punkte des Referats.

Enthalten ist die korrekte Ableitung vom Substantiv Inhalt, nicht der geschriebene Witz beinhalten – der nur getoppt wird von Beinhaltung (siehe Foto).

Auch andere Verben sind von Substantiven abgeleitet und klingen dadurch arg umständlich wie etwa problematisieren, konzeptionieren oder ideologisieren:

Wir wollen dieses Thema nicht zusätzlich problematisieren.


Holpert.


Dieses Thema soll nicht zum Problem werden.


Flutscht.


Überlegen Sie, was solch ein umständliches Verb tatsächlich meint und schreiben Sie es dann in anderer, klarerer Formulierung hin.

4. Die Modalverben können, müssen, dürfen, sollen, mögen

Modalverben heißen so, weil sie den Modus, die Art und Weise angeben, in der die Handlung geschieht.

Vielleicht haben Sie schon einmal etwas von autosuggestiver Motivation gehört. Eine wirklich gute Methode, die Dinge positiver zu sehen und sich selbst zu motivieren. Sie sagen demnach nicht: Ich muss diese Aufgabe noch erledigen, sondern: Ich darf diese Aufgabe erledigen. 😉 In beiden Sätzen hat das Modalverb seine Berechtigung. Denn ein ganz anderer Modus herrscht im Aussagesatz: Ich erledige die Aufgabe.


​Warnung! Modalverben können jedoch derart Ihren Text infizieren, dass er an der heimtückischen Laberitis leidet! 60 % der Modalverben sind in Texten überflüssig. Wenn Sie dabei sind, ein Modalverb zu verwenden, sollten Sie immer fragen: ist das für die Aussage nötig? Ein Beispiel:

Wir sind ein starkes Team, um Sie optimal unterstützen zu können.

​Der Satz ohne Modalverb ist viel knackiger und aussagestärker:

Wir sind ein starkes Team, um Sie optimal zu unterstützen.

Sinnlose Modalverben verschleiern eine klare Aussage. Wenn das öfters im Text passiert, wird Ihr ganzes Schreibprodukt verwässert, es verliert an Aroma.


Kleiner Tipp fürs Überarbeiten Ihres Textes: da Modalverben eine zukunftsweisende Bedeutung haben, sind solche, die im Präteritum stehen, besonders verdächtig, ein Fall für den Papierkorb zu sein.

So, hier Ihr kleines Power-Schreibtraining – damit Sie bei Ihrem nächsten Text die schlechten Verben einfach abblitzen lassen können! 🙂


Schreiben Sie nicht fad, sondern mit Würze! Ersetzen Sie das Verb machen:
Im Mai machen wir Urlaub in der Schweiz.

Schreiben Sie dynamischer! Finden Sie für folgenden Satz ein anschaulicheres Verb, das Bewegung ausdrückt:
Im Restaurant war gestern Abend eine Menge los.

Ist das Modalverb nötig oder kann es in den Papierkorb?
Um zu einem Ergebnis zu kommen, das alle zufriedenstellte, musste jeder von uns Kompromisse schließen.






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Über den Autor Dr. Gabriele Frings

Als Autorin, Publizistin und Schreibcoach helfe ich Ihnen dabei, einen professionellen Schreibstil zu entwickeln und mit mehr Freude ans Texten zu gehen.

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11 Kommentare
Friedrich Howanietz says 8. Mai 2017

Das mit den Verben war mir nicht bewusst. Als ich zum Schreiben anfing hatte ich die Krankheit, sehr oft das Wort „dann“ zu verwenden. Schon als es mir bewusst war und ich es wegließ, fand ich es es trotzdem immer wieder, so als hätte jemand anderes es absichtlich eingefügt. Grüße aus Wien

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    Dr. Gabriele Frings says 8. Mai 2017

    Hallo Herr Howanietz,

    ja, das kenne ich. Jeder hat so seine „Macken-Wörter“. Was aber gar nicht dramatisch ist, denn diese Wörter prägen eben auch den persönlichen, unverwechselbaren Schreibstil.
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Martina says 13. Juli 2017

Warum haben Sie im Beispiel 1 das „machen“ durch das Hilfsverb „sein“ ersetzt, wenn dieses unter Punkt 2 als möglichst zu vermeiden ist? Und ist der Ausdruck „es ist (k) ein Unterschied“ wirklich erlaubt oder eher regionale Einfärbung? Für mich klingt das sehr gekünstelt.

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    Dr. Gabriele Frings says 14. Juli 2017

    Das Verb „sein“ soll ja nicht möglichst vermieden werden, das ist auch unmöglich. Zu prüfen ist, ob es in Beschreibungen von Aktionen durch anschaulichere Formulierungen zu ersetzen ist, wie ich es am Beispiel zeigte. Noch eins: „Sie war auf der Party und kam glücklich nach Hause.“ Ah ja. Wie viel anschaulicher ist es für den Leser, wenn ich schreibe: „Sie tanzte ausgelassen auf der Party und kam glücklich nach Hause.“
    Eine Alternative für „es ist ein Unterschied“ ist: „es besteht ein U.“ Tja, das klingt deshalb ungewohnt, weil die strukturellen Anglizismen, mit denen wir täglich durch die Medien berieselt werden, die deutschen Sprachstrukturen langsam verblassen lassen.
    Viele Grüße
    Gabriele Frings

    Reply
Dieter-Michael Last says 13. Juli 2017

Der Artikel beinhaltet eigentlich alles, was man davon erwarten darf. Danke.

Außer vielleicht, ein Paar Worte zu einem Mode-Verb, das seit Monaten so oft und so undifferenziert verwendet wird, dass es inzwischen mein persönliches »Igitt-Verb« Nummer 1 ist: umsetzen.

ohne jede Differenzverwendet wird

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Heinz says 27. Juli 2017

Das Beispiel für Punkt vier ist etwas unglücklich gewählt. Der Satz aus der FAZ lässt mir als Leser den Interpretationsspielraum, dass es ggf. Einschränkungen im Einsatz des Saatgutes gibt und es deshalb nicht überall eingesetzt werden kann. Je nach Kontext kann dies eine wichtige Information sein, die Sie mit Ihrer „Verbesserung“ gänzlich weglassen.
Nur in dem Fall, in welchem es keine Einschränkungen im Einsatz des Saatgutes gibt, würde Ihre Aussage stimmen, dass beide Sätze eine identische Aussage haben.

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Anja Scrock-Siccora says 31. August 2017

Die menschliche Wahrnehmung und Empfindung gestaltet sich bunt und vielfältig. Ebenso reichhaltig verstehe ich die Grautöne der deutschen Sprache. Nicht weiß, nicht schwarz. Nicht ohne Grund drucken erfolgreiche Verlage mehr als eine Zeitung pro Tag und Bücher werden geschrieben in den unterschiedlichsten Stilen. Der Beitrag von Dr. Frings wird mit Sicherheit keinen Leser schaden, aber so manchem Liebhaber der deutschen Sprache helfen, sich zu verbessern.

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Kai Macht-Beinhaltung says 2. September 2017

Liebe Frau Dr. Frings,
herzlichen Dank für Ihren Artikel. Ich wurde unterhalten und angenehm belehrt. Beste Grüße, KLS

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G. Zettl says 30. September 2017

Ich bin mir unsicher, ob das im Lehrplan der Schulen überhaupt enthalten ist oder ich das zwischenzeitlich nur vergessen habe. Der Alltag sieht leider keinen schriftlichen oder verbalen Spiegel vor, der die eigenen Unarten des Schreibens reflektiert und darüber hinaus auch noch zeigt, wie es besser geht.
Herzlichen Dank für die Übernahme dieser Rolle, die ich in unserer (modernen?) Gesellschaft bislang vermisst habe.

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Anja Kaufmann says 1. Oktober 2017

Danke für die erfrischenden Anregungen!

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Hans says 2. Oktober 2017

Hallo Frau Dr. Frings,
vielen herzlichen Dank für Ihre Tipps. Ich weiß nicht, ob es schlau war, aber ich habe mein Bewerbungsschreiben geändert. Die Floskeln „kann“, „möchte“ und „sein“ mit direkten Verben, wie „biete ich“, „verwende ich“ usw. ersetzt. Klingt jetzt alles anders, mehr direkter. Ob es für ein Bewerberschreiben nicht eher besser ist, mehr passiv zu schreiben, weiß ich nicht. Nun ja, ausprobieren, was besser ankommt. Auf jeden Fall ein herzliches „Dankeschön!“ für Ihre super Tipps.

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